Antwort auf die Frage der RZ: Was ist für uns deutsch

Veröffentlicht am 23.10.2017 in Ortsverein

Wolfgang Reimann hat der RZ zu dieser Frage folgenden bemerkenswerten Text zugesandt:

Die Rhein-Zeitung möchte von Ihren Lesern wissen, was für uns deutsch ist und was aus unserer Sicht Deutschland ausmacht. Schön wäre es, wenn man mit ein paar Sätzen antworten könnte. Kann man aber nicht. Trotzdem sollte man sich die Zeit nehmen und etwas in die Tiefe gehen. Denn ein Land ist nicht ein etwas, sondern ein Individuum, gewachsen über Jahrhunderte, das sich aus vielen Facetten zusammensetzt.

 

 

 


Ich bin 67 Jahre alt und kann mir die Frage stellen, was bedeutete Deutschland für mich als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener im Berufsleben. Es liegt für mich in der Natur der Sache, dass Stationen in der Geschichte Deutschlands von großer Bedeutung sind. Deutschland – ein Land mit ca. 80 Mio. Menschen. Diese Menschen sprechen Deutsch, eine Sprache, die wir von unseren Eltern und Lehrern beigebracht bekamen. Dass wir alle Deutsch sprechen, ist – oder war- nicht immer selbstverständlich. Bis weit in die Neuzeit hinein gab es kein Deutschland, sondern ein Flickenteppich von Königreichen und Fürstentümern, ohne eine verbindende „deutsche“ Sprache. Erst später entwickelte sich die deutsche Sprache, dabei spielte Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche eine große Rolle. Die erste Leistung Deutschlands: die deutsche Sprache. Darauf können wir stolz sein.

 

Martin Luther gibt uns in der Frage, was Deutschland ausmacht, ein neues Stichwort: In Deutschland gibt es unterschiedliche Religionen. Das ist nicht in jedem Land so. Luthers Reformation führte zur Teilung der christlichen Religion in Katholiken und Evangelische. Sogar Religionskriege waren die Folge, die glücklicherweise im 18. Jahrhundert endeten. Protestanten und  Katholiken leben in Deutschland seit langem friedlich miteinander. In der Gegenwart gibt es immer wieder Gespräche über eine Ökumene in der Zukunft. Seit Jahrzehnten leben bei uns Mitbürger muslimischen Glaubens. Unser Grundgesetz garantiert ihnen, ihre Religion in Frieden bei uns zu leben. Darauf können wir stolz sein.

 

Unsere Nachbarn, z.B. Frankreich und Großbritannien, stellen sich die Frage, seit wann es ihr Land gibt, gar nicht, weil es schon immer da war. Eine Hauptstadt, eine Sprache und an der Spitze ein absoluter Monarch, der das Land zusammen hielt. Und Deutschland? Das Vorgebilde mit dem Namen „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ hörte 1806 auf zu existieren.  Österreich, Preußen usw. hatten den Krieg gegen Napoleon verloren. Als 1815 Napoleon dann schließlich endgültig in seinen  Kriegen unterlag, brachten es unsere Könige und Fürsten nicht fertig, ein Deutschland wieder ins Leben zu rufen. Es existierte ein loses politisches Gebilde, das den Namen „Deutscher Bund“ trug. Darauf können wir nicht stolz sein.

 

Aber, aus dem Volke heraus bildeten sich Kräfte, die nach den Vorbildern der amerikanischen und französischen Revolution ein demokratisches Deutschland ohne einen absoluten Monarchen an der Spitze schaffen wollten. Schon 1832 trafen sich 30000 Menschen zum Hambacher Fest. Sie schwenkten die schwarz-rot-goldene Fahne! Sie waren Liberale und Demokraten. Sie führten Wahlen durch und trafen sich zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Sie wollten einen deutschen Nationalstaat mit einer Verfassung, die Menschen- und Grundrechte  sicherten. Auch wenn sie sich nicht durchsetzten und der preußische König die ihm angetragene Krone ablehnte, die Verfassung der Paulskirche und ihre Ideen, die unsere Vorväter geschaffen haben, gelten auch in unserer Republik als aktuelles Erbe der Revolution von 1848. Darauf können wir stolz sein.

 

1871 entstand nach einem langwierigen Prozess „Deutschland“, das Deutsche Kaiserreich. Von einer Demokratie war das Land noch weit entfernt trotz des Reichstags. Es war geprägt von den Kaisern und dem Reichskanzler. Der Reichstag hatte nicht die Möglichkeit, den Reichskanzler zu wählen oder ihn zu entlassen. Deutschland war also nicht parlamentarisch. Eine Person war von großer Bedeutung für das Deutsche Kaiserreich – Otto von Bismarck. In der Geschichtsschreibung prägte er das Reich durch Auseinandersetzungen mit den inzwischen entstandenen Parteien. Bismarck führte den „Kulturkampf“, hauptsächlich gegen das Zentrum, die Partei der Katholiken, mit dem Ziel, den Einfluss der Kirche im Staat zu verdrängen. Andererseits wurde Bismarck in der Sozialgesetzgebung tätig, er wusste genau, dass die starke Arbeiterschaft im Reich nur gewonnen werden konnte, wenn deren Leben besser gestaltet werden konnte: Kranken-, Unfall-, Arbeitslosenversicherung. Die deutschen Kaiser gestalteten das Reich eher negativ – militärisch und außenpoltisch. Kaiser Wilhelm II. war am Ausbruch des 1. Weltkriegs entscheidend beteiligt. Darin sind sich die Historiker einig. Der verlorene Krieg prägte die Zeit Deutschlands nach 1918. Auf das Deutsche Kaiserreich können wir nicht stolz sein.

 

Der deutsche Kaiser sagte 1918 ab und stahl sich ins Exil. Die Matrosen der Marine trugen ihren Anteil am Ende des Krieges, als sie sich in Kiel, Wilhelmshaven und Hamburg weigerten, noch einmal zu einer sinnlosen Schlacht auszulaufen. Deutschland wurde eine Republik, eine Demokratie, mit vielen Rechten für die Bürger. Auch Frauen hatten ab 1919 ein uneingeschränktes Wahlrecht. Auch wenn Deutschland eine intakte Demokratie war, auch wenn demokratische Parteien das Land regierten, so waren die Probleme dennoch erdrückend: Friedensvertrag von  Versailles, finanzielle Kriegsfolgen, Probleme bei der Regierungsbildung, Krisenjahre, Putschversuche. Trotzdem gab es Zeiten mit wirtschaftlichem Aufschwung. Letztendlich führte die Weltwirtschaftskrise von 1929 zum Niedergang der Republik. Auf die Weimarer Republik können wir teilweise stolz sein.

 

1933 kam ein Mann an die Macht, der das dunkelste Kapitel unseres Landes einleitete. Er wurde an die Macht gewählt. Was danach, von ihm gewollt und eingeleitet wurde ist geradezu unfassbar: Auflösung der Republik, Diktatur, Drangsalierung der politischen Gegner, bewusster Beginn des 2.Weltkriegs, geplanter und mit zynischer Konsequenz durchgeführter Massenmord an mehr als 6 Millionen jüdischen Menschen  in den Konzentrationslagern, brutaler Ostfeldzug mit 20 Millionen Toten in Russland. In Deutschland haben Bürgerinnen und Bürger diesem Treiben kein Einhalt geboten. Wir, die Deutschen, trugen ab 1945 die Verantwortung für das Geschehen. Für diese Zeit müssen wir uns schämen.

 

1945 war Deutschland zerstört und es wurde geteilt. Millionen von Bürgerinnen und Bürgern waren auf der Flucht von Ost nach West und versuchten notdürftig unterzukommen. 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet, auf einem reduzierten Gebiet. Die Bundesrepublik galt als ein Provisorium und war auch eines. Bundeskanzler Konrad Adenauer prägte den Fortgang der Entwicklung. Bewusst nahm er in Kauf, dass Deutschland über lange Zeit geteilt bleiben wird. Er strebte eine Westintegration der Bundesrepublik an, suchte also die Freundschaften mit Nachbarländern, Frankreich, Großbritannien und den USA. Der Widerstand in Deutschland war stark, v.a. gegen die Wiederbewaffnung und damit der Eintritt in die NATO 1954. Wegen der noch frischen Erinnerungen an den Krieg wollten viele keine Wiederbewaffnung. Was niemand geglaubt hat: 1955 wurde die Bundesrepublik Deutschland bei den „Pariser Verträgen“ souverän. Deutschland konnte mit anderen Ländern „auf gleicher Augenhöhe“ verhandeln. Wer hätte das gedacht? Mit Frankreich verbindet uns seit dieser Zeit eine besondere Freundschaft. Allmählich wurde der Austausch der Schülerinnen und Schüler ins Leben gerufen. Daran nahm auch ich teil. Die Freundschaft besteht noch heute. Die Wiedervereinigung lag noch in weiter Ferne. Die Politik Adenauers war und ist umstritten. Aber er behielt Recht. Darauf können wir stolz sein.

 

Einen anderen Weg als Adenauer ging Bundeskanzler Brandt in den 70ern des 20. Jhdt`s.: Neue Ostpolitik. Friedensicherung mit den Ländern in Osteuropa. Frieden durch direkte Gespräche und Verträge. Verzicht auf verlorene Gebiete. Kontakte zwischen den Bürgern beiderseits des „Eisernen Vorhangs“ und damit auch keine Kriege. Reiseerleichterungen, Austausch. Verstehen des Lebens auf der anderen Seite. Wirtschaftsverträge. Auch darauf können wir stolz sein.

 

1989 fällt die Mauer. Damit hatte keiner gerechnet, weder im Westen noch im Osten. Nicht zuletzt dank der Ostpolitik machen die Bürger in Ostdeutschland klar, dass sie das „System“ in der DDR nicht mehr wünschen. Das Wort und die Argumente sind auf ihrer Seite. Den Machthabern in Ost-Berlin wird klar, dass sie nur noch ein Argument haben: Gewalt. Die Besonnenheit auf beiden Seiten führt dazu, dass die Grenze geöffnet wurde. Keine Toten und Verletzten. Ungehindert können Ostdeutsche nach Westdeutschland kommen – und umgekehrt. Ein wunderbares Gefühl. Und heute? Die Grenze sieht man nicht mehr. Gibt es vielleicht doch noch Grenzen in den Köpfen? Wann werden die letzten Verschiedenheiten in Renten und Löhnen beseitigt? Auch darauf können wir stolz sein.

 

Wolfgang Reimann

Unkel


 

 

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