Integration von Flüchtlingen

Veröffentlicht am 21.05.2017 in Allgemein

Künstler: Thomas Hugo Titel: Und alle schauen zu

Wolfgang Reimann fand diesen Artikel (siehe nächste Seite) und schreibt dazu:

 

Liebe Mitstreiter,

ich fand heute bei t-online ein ungemein wichtiges Interview zum Thema Integration von Flüchtlingen. Ich fand es so spannend und seriös und zeitnah, dass es fast schon ein "Muss" sein sollte. Der interviewte Migrationsforscher Brücker bringt die Sache auf den Punkt: Möglichkeiten, Probleme, Perspektiven. Wir können dadurch eine gewisse Klarheit gewinnen. Außerdem ist dies eine gute Vorbereitung auf den kommenden Wahlkampf. Der Text bereitet uns vor auf Auseinandersetzungen mit rechts.

Solidarität!

 

Wolfgang

 

Bild: Thomas Hugo - Und alle schauen zu

 

 

 


Die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt läuft schleppend, laut Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) beziehen knapp 500.000 Flüchtlinge Hartz IV. Doch woran liegt das? t-online.de spricht mit dem Migrationsforscher und Ökonom Prof. Dr. Herbert Brücker über Chancen und Gefahren der Migration für den Arbeitsmarkt.

t-online.de: In den letzten drei Jahren kam eine Million Geflüchtete nach Deutschland. Laut Bundesregierung soll der Arbeitsmarkt für die Menschen geöffnet werden. Wie verläuft Ihrer Auffassung nach die Integration?

Herbert Brücker: Nicht alle Geflüchteten stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Wir gehen davon aus, dass das langfristige Erwerbspersonenpotential bei 460.000 Personen liegt. Also das ist die Zahl, die man maximal in den Arbeitsmarkt integrieren könnte. Gegenwärtig sind zehn Prozent der Menschen, die 2015 zu uns gekommen sind, erwerbstätig. Für den Zuzugsjahrgang 2014 verzeichnen wir 22 und für den Jahrgang 2013 30 Prozent. Die Arbeitsmarktintegration erfolgt also schrittweise und wir wissen aus der Vergangenheit, dass nach fünf Jahren etwa 50 Prozent erwerbstätig sind. Das steigt stufenweise, wir liegen gegenwärtig etwa im Bereich der Erfahrungen aus der Vergangenheit oder sogar leicht darüber. Die Entwicklung ist diesmal also eine Nuance besser, als sie Anfang der 90er Jahre bei den Flüchtlingen aus dem Jugoslawien-Krieg war. Insofern kann man sagen, das Glas ist eher halbvoll. Trotzdem gibt es gewaltige Probleme und es geht natürlich viel zu langsam.

Was sind die größten Hindernisse für eine erfolgreiche Integration?

Das allerwichtigste ist die rechtliche Frage. Die meisten Geflüchteten dürfen zwar formal nach drei Monaten arbeiten, aber nur Geflüchtete, die einen anerkannten Schutzstatus haben, haben auch eine realistische Chance auf eine Arbeitsmarktintegration. Das hängt damit zusammen, dass die Unternehmen Rechtssicherheit brauchen – Einstellungen sind eine Investition und Investitionen brauchen stabile Rahmenbedingungen. Rechtssicherheit hat man erst, wenn es einen anerkannten Schutzstatus gibt.  Im Durchschnitt wurden in den letzten Jahren nur 45 Prozent der  Asylverfahren innerhalb eines Jahres nach ihrer Ankunft abgewickelt. Das hat sich inzwischen deutlich beschleunigt, aber es dauert immer noch sehr lange. Das ist ein Grund, warum die Arbeitsmarktintegration sehr verzögert erfolgt. Hinzu kommt, dass die große Mehrheit der Geflüchteten seit Mitte 2016 nur subsidiären Schutz erhält – man hat dadurch nur ein einjähriges Aufenthaltsrecht. Das betrifft vor allem Syrer.

Und die berufliche Qualifikation?

Die Geflüchteten sind ganz sicher nicht optimal für den Arbeitsmarkt ausgebildet. Man muss hier aber zwischen Schul- und Berufsbildung unterscheiden. Ein relativ hoher Anteil hat eine gute Schulbildung. Etwa 40 Prozent haben weiterführende Schulen - vergleichbar mit Gymnasien und Fachoberschulen besucht. Es gibt aber auch 20 Prozent, die nur die Grundschule oder gar  keine Schulen besucht haben. Für den Bereich der beruflichen Bildung sieht es kritischer aus. 78 Prozent haben keine berufliche Ausbildung oder ein Hochschulstudium abgeschlossen, rund 30 Prozent begannen wenigstens eine berufliche Bildung oder ein Studium. Davon haben 18 Prozent eine Hochschule besucht und 13 Prozent haben diese auch abgeschlossen. Das ist zwar viel weniger als in Deutschland, aber für den Hochschulbereich gar nicht so schlecht. 

Prof. Dr. Herbert Brücker leitet die Abteilung für ökonomische Migrationsforschung am Berliner Institut für Integrations- und Migrationsforschung. (Quelle: imago)

Prof. Dr. Herbert Brücker leitet die Abteilung für ökonomische Migrationsforschung am Berliner Institut für Integrations- und Migrationsforschung. (Quelle: imago)

 

Das Hauptdefizit liegt im Bereich der Berufsausbildung. Wir haben das Problem, dass die meisten Herkunftsländer ein mit Deutschland vergleichbares Berufsausbildungssystem nicht kennen. Darum haben so wenige eine berufliche Ausbildung angefangen und noch weniger eine abgeschlossen. Ich sehe auch im Sprachbereich große Defizite. 95 Prozent kommen hier ohne Deutschkenntnisse an. Nach zwei Jahren Aufenthalt sinkt hier der Anteil zwar auf 50 Prozent, aber das ist trotzdem zu langsam für eine schnelle Arbeitsmarktintegration.

Welche Jobs bekommen Geflüchtete in Deutschland?

Die schnelle Integration funktioniert nur in den Bereichen, in denen die formellen Qualifikationsanforderungen gering sind. Das gilt etwa für das Hotel- und Gaststättengewerbe. Dort kommt es nicht so stark auf Sprachkenntnisse oder Ausbildung an, auch wenn die Tätigkeiten psychisch oder physisch belastend sein können. Außerdem sind Geflüchtete im Handel, in den Pflegeberufen und im Reinigungsgewerbe überdurchschnittlich repräsentiert. Auch im Bereich der anderen Gesundheitsberufe gibt es viele Geflüchtete. Darin spiegelt sich eine gewisse Polarisierung: Es gibt eine nicht unerheblichen Zahl von Ärzten. Sie haben den Vorteil, dass die medizinische Ausbildung gut vergleichbar ist. Dennoch sind die akademischen Bereiche unterrepräsentiert und die einfachen Dienstleistungen besonders stark vertreten. Das ist aber bei anderen Neu-Zuwanderern auch so.

Andrea Nahles gab bekannt, dass eine halbe Million Geflüchtete derzeit Hartz IV bezieht. Welche Auswirkungen hat dies auf das deutsche Sozialsystem?

Bei dieser Zahl sind nicht nur Geflüchtete im erwerbsfähigen Alter mit eingerechnet, sondern auch deren Angehörige. Es spielt nicht so eine große Rolle, ob die Menschen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder Hartz IV beziehen. Im Grunde ist das für die Arbeitsmarktintegration eine gute Nachricht, weil wenn die Menschen Hartz IV beziehen, tauchen sie auch bei den Jobcentern auf. Und in dem Moment muss sich die Bundesagentur für Arbeit kümmern. Sie tut dies zum Teil schon während der Asylverfahren, aber flächendeckend erst wenn sie als Leistungsbezieher zu den klassischen Adressaten der Arbeitsmarktpolitik gehören. Mit dem Abarbeiten der Asylfälle wird es zunächst einmal mehr Hartz-IV-Empfänger geben, mit der Arbeitsmarktintegration geht diese Zahl dann wieder zurück. Es ist auch zu berücksichtigen, dass auch einige Hartz-IV-Bezieher Aufstocker sind, weil die Verdienste der Geflüchteten am Anfang gering sind.

Ist eine Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt in Zukunft realistisch?

Durchaus, aber es ist schwieriger als bei anderen Migrantengruppen. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass es zehn bis fünfzehn Jahre dauert, bis geflüchtete Menschen ein ähnlich hohes Niveau im Hinblick auf den Anteil der Erwerbstätigen erreichen, wie andere Migrantengruppen oder Deutsche. Die Löhne werden steigen, aber das durchschnittliche Niveau der deutschen Bevölkerung nicht erreichen. Aber die Arbeitsmarktintegration wird schrittweise voranschreiten. Da bin ich optimistisch, aber wir brauchen viel Geduld.

Die Gesellschaft ist sich einig, dass die Zuwanderung eine Herausforderung ist. Aber ist die Migration der letzten Jahre auch eine Chance für die deutsche Wirtschaft?

Jeder der arbeitet ist generell eine Chance für die Wirtschaft. Die deutsche Volkswirtschaft entwickelt sich gegenwärtig am dynamischsten im Bereich der geringfügig-qualifizierten Jobs. Es sind in den letzten drei Jahren 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse  entstanden und 45 Prozent davon in Bereichen, in denen man keine formelle Berufsausbildung braucht. Der Anteil dieser Jobs an der gesamten Volkswirtschaft macht aber nur 13 Prozent aus. Wir beobachten also in diesem Bereich ein viel stärkeres Wachstum und das bezieht sich nicht nur auf Migranten sondern auch auf Deutsche. Wir haben offenbar Bedarf in der Volkswirtschaft nach einfachen Dienstleistungen. Darum profitieren wir auch von dieser Art Zuwanderung. Aber immer nur unter der Voraussetzung, dass diese Menschen auch im Arbeitsmarkt ankommen. Wenn diese Voraussetzung geschaffen wird, ist das eine gute Sache und dann profitieren wir alle davon.

Teile der Gesellschaft fühlen sich in ihrem beruflichen Dasein durch die Migration bedroht. Können Sie diese Ängste wissenschaftlich nachvollziehen?

Wir untersuchen das natürlich. Es ist eine kritische Frage, ob es zu verschärftem Wettbewerb oder Verdrängungseffekte gibt. Die Befunde zeigen, dass sich diese Migration weitestgehend neutral auf den gesamten Arbeitsmarkt auswirkt. Wir finden weder sinkende Löhne noch eine steigende Arbeitslosigkeit. Das spannende ist, dass die deutschen Arbeitnehmer im Vergleich in praktisch allen Qualifikationsgruppen gegenüber den Zuwanderern gewinnen. Lediglich bei denen, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben ist, finden wir geringfügig negative oder neutrale Effekte. Aber das ist nur eine kleine Gruppe – deutschlandweit reden wir da von maximal einigen tausend Fällen.

Verdrängung finden wir in den Bereichen, wo Migranten mit anderen Migranten auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren. Da kann es auch negative Effekte geben. Aber die deutschen Arbeitnehmer gewinnen. Der klassische AfD-Wähler also, der überdurchschnittlich häufig eine Facharbeiterausbildung hat, zählt eigentlich gerade zu den Gewinnern der Zuwanderung. Andere Migranten gehören, besonders wenn sie noch nicht lange im Land leben, eher zu den Verlierern. Da gibt es Verdrängungseffekte. Auch wenn dies aus der Perspektive der Volkswirtschaft insgesamt geringe Effekte sind, muss sich die Arbeitsmarktpolitik hier engagieren. Alles in allem haben wir ein Integrationsproblem, aber kein Verdrängungsproblem.

Betrachtet man die Integration Geflüchteter auf dem Arbeitsmarkt: Was kann die Politik besser machen?

Vieles. Es beginnt mit dem Herstellen von Rechtssicherheit. Dazu gehört der Komplex der Asylverfahren, aber auch, dass man den Menschen früh eine Bleibeperspektive einräumt. Außerdem gibt es eine große Lücke in der Bildungspolitik, da muss viel getan werden. Wir wissen, dass viele Geflüchtete ihre Bildungsbiographien unterbrochen haben und dass sie sehr jung sind. Über 60 Prozent der Geflüchteten möchten noch eine berufliche Ausbildung machen oder ein Studium beginnen. Dieses Potential auszuschöpfen ist sehr schwierig, aber da muss im Hochschul- und im Ausbildungsbereich viel getan werden: Zum Beispiel mit berufsvorbereitenden Klassen. Auch die Sprachförderung hat viel zu spät begonnen. Jetzt steigt die Zahl der Teilnehmer an Integrationskursen stark an, aber hier stehen wir vom Angebot noch lange nicht da, wo wir stehen sollten. Das gilt für die Länge der Sprachangebote und auch für die Qualität. Wir müssen uns auch von dem Stufenmodell verabschieden, dass erst die Sprachförderung und erst danach die Arbeitsmarktintegration erfolgen. Vielmehr muss es berufsbegleitende Maßnahmen geben: Zum Beispiel Sprachkurse, Praktika oder Qualifizierungsmaßnahmen, die gleichzeitig stattfinden. Das gibt es schon in kleineren Pilotprogrammen, aber das brauchen wir viel stärker in der Fläche. Wir brauchen natürlich auch eine bessere Arbeitsplatzvermittlung – gut 40 Prozent der berufstätigen Geflüchteten haben ihren Job über persönliche Kontakte gefunden. Nur bei gut 30 Prozent lief es über die Agentur für Arbeit. Das ist zwar ein Anstieg gegenüber der Vergangenheit, aber wir müssen mehr in die Arbeitsvermittlung investieren. Insgesamt müssen wir die gesamte Migrantenökonomie ernster nehmen, als wir das momentan tun. Hier finden die Geflüchteten viele, wenn nicht die meisten Jobs.

Das Interview führte Patrick Diekmann.

Prof. Dr. Herbert Brücker leitet die Abteilung für ökonomische Migrationsforschung am  Berliner Institut für Integrations- und Migrationsforschung und ist Forschungsbereichsleiter für „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Außerdem ist er Professor für  "Ökonomische Migrations- und Integrationsforschung" an der Humboldt-Universität Berlin

 

Sommergruß

Martin Diedenhofen

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